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Jagd durchs Traumlabyrinth: Filmkommentar zu Inception

Hintergrund

 

Christopher Nolan ist bekannt für seine obsessiven Filmprojekte. Sehr häufig sind sie von einer labyrinthischen Struktur geprägt, müssen mehrmals gesehen und mit Detektivarbeit auseinandergedröselt werden, um das Gezeigte überhaupt zu verstehen. Genauso akribisch ist meist auch seine Recherche-Arbeit zu den Hintergründen seiner Filme, sei es biographischer oder technischer Natur. Beim Thema Traum war seine Recherche auch intensiv, er erforschte dabei aber allein seine eigene Erfahrung damit. Er entdeckte nämlich zufällig durch äussere Umstände, dass man luzid träumen kann; also mit vollem Bewusstsein, dass man gerade in einem Traum ist und diesen auch beeinflusst. Die genannten äusseren Umstände waren das kostenlose Frühstück seines Studentenheims, das noch vor neun Uhr einzunehmen war, und seine Gewohnheit, nachts bis um vier zu arbeiten. Er stellte sich also einen für ihn sehr frühen Wecker und ging nach dem Frühstück immer sofort zurück ins Bett. Was er bald entdecken würde: so ein Rhythmus steigert die Wahrscheinlichkeit eines Klartraums. Diese Klarträume, die Nolan als «Superpower» bezeichnet, und seine Erfahrungen bei der aktiven Gestaltung eigener Träume bildeten die zentrale Inspiration für seinen Film «Inception».

 

Sich dem entstandenen Film «Inception» mit Freuds wissenschaftlicher Theorie der Träume nähern zu wollen, ist dabei interessant. Einerseits wusste Freud von der Existenz von Klarträumen und hat diese – sowie die Bedingungen ihrer Entstehung – in seiner «Traumdeutung» auch kurz kommentiert. Nolan ignorierte aber die wissenschaftliche Basis Freuds und verliess sich einzig auf seine eigenen Erfahrungen. Das Ergebnis aus der Perspektive von Freuds Denken zu kommentieren, ist also nicht redundant, sondern eher dialogisch: Nolan wie Freud haben ihr Wissen aus der aktiven Auseinandersetzung mit ihren eigenen Träumen gewonnen; Nolan mit künstlerischen Absichten, Freud mit wissenschaftlichen.

 

Ich denke deshalb, dass Cinépassion als Ort der psychoanalytischen Filmbetrachtung ein trefflicher Rahmen für diesen Film ist. Ich möchte deshalb schon vor dem Film das Funktionieren von Träumen allgemein und spezifisch in diesem Film etwas erklären. Ich habe mich hierfür einem Crashkurs in freudscher Traumtheorie meines Bruders Volker unterzogen; auch für weitere freudianische Inputs verdanke ich ihm viel. Meine Hoffnung dabei ist, dass der Film dadurch etwas weniger labyrinthisch wird und Ihnen dadurch ein insgesamt besseres, weil luzideres, Filmerlebnis beschert wird. Die Alternative ist entsprechend, dass Sie sich im actionreichen Filmtraum verlieren und ihn hinterher alsbald vergessen.

 

Zum einen wäre da die grundlegende Regel, dass alle bewussten Sinnesinhalte in Träumen die Erfüllung von Wünschen sind. Diese Wünsche sind aber häufig verdrängt, weswegen dagegen Widerstände existieren; die Form, in der Wünsche in Träumen erfüllt werden, ist meist entstellt. Wichtig ist auch, dass Wunscherfüllungen in Träumen spontan und überraschend auftauchen können. Doch nicht alles in einem Traum dient diesem Prinzip der Wunscherfüllung. Die sogenannte sekundäre Bearbeitung ist der bewusste Denkprozess innerhalb des bewussten Traumes. Dieser findet gedankliche Zusammenhänge zwischen den Trauminhalten, sodass ein Traum unterschiedlich kohärent erlebt wird. In luziden Träumen ist die sekundäre Bearbeitung am stärksten, sodass solche Träume wie die jetzt gleich im Film sehr kohärent sind. Dahingehend ist der Film also realistisch.

 

Um genau zu sein, ist Inception ein Science-Fiction-Film. Realitätsnah, aber mit einer fiktiven Technologie, die auf einer gesetzmässigen und vorhersehbaren Weise funktioniert, das Shared Dreaming. Diese Technologie wird im Film nur recht dürftig erklärt, eine Regel wird sogar ganz verschwiegen. Es braucht also eine kurze Einführung:

 

Im Shared Dreaming gibt es verschiedene Rollen, ich verwende die englischen Audrücke aus dem O-Ton des Films. Da wäre zum einen der Architect, der oder die die Traum-Kulisse entworfen hat. In diese Welt wird der Target entführt, also die Zielperson der Mission. Der Target bevölkert die vom Architect vorgegebene Welt, sodass zum Beispiel die Passanten von seinem Unbewussten hervorgebracht werden. Wenn der Architect in seinem Entwurf einen besonders sicheren Ort vorgesehen hat, zum Beispiel einen Tresor, so befüllt der Target diesen mit schützenswerter Information, mit Geheimnissen. Die Entführer können nun dorthin einbrechen und somit an die Geheimnisse des Target gelangen.

 

Die zentrale Figur ist jedoch der Dreamer. Er ist es, in dessen Traum die vom Architect entworfene Kulisse verwendet wird und wohin der Target entführt wird. Der Dreamer hat dort dank seiner Sonderstellung auch heldenhafte Fähigkeiten; er ist der «James Bond» seines Traumes.

 

Der Clou im Film wird sein, dass das Shared Dreaming tatsächlich auch innerhalb eines Traumes verwendet wird. Der Architect kann eine andere Kulisse zur Verfügung stellen, der Target kann in einen neuen Traum im Traum auf diese Kulisse gezogen werden und jemand anderes wird dort dann der «James Bond» sein. Letzteres ist wichtig: Der Dreamer eines Traumes kann nicht in den nächst-tieferen Traum gehen; seine Aufgabe wird es sein, den ursprünglichen Traum stabil zu halten.

 

Und das ist insgesamt mein roter Faden für Sie, wenn Sie gleich durchs Labyrinth gehen: Behalten Sie im Kopf, wer der Dreamer ist und welche Annahmen der Target jeweils trifft und entsprechend derer die Traumwelten bevölkert. Das wird dabei helfen, das komplexe Geflecht von Träumen innerhalb von anderen Träumen zu lösen.

 

Sie haben hoffentlich, das darf ebenfalls nicht Vergessenheit gehen, auch etwas Spass am Film!

 

Kommentar

 

Ich denke, ich habe nicht zu viel versprochen. Inception ist komplex und verschachtelt. Zum einen wegen der sich ständig verzweigenden Haupthandlung von der Inception, zum anderen ist da noch die Nebenhandlung, die sich um Cobb und seine verstorbene Frau Maud dreht, und dann gebraucht der Film allerlei Symbole und Action. Mein Kommentar wird zunächst einmal die Haupthandlung aufdröseln, basierend auf mehreren aufmerksamen Visionierungen.

 

Das Flugzeug-Setting zeigt uns die Realität. Das Team rund um Cobb schläft dort zusammen mit Fisher in einem Shared Dream ein. Der Träumer ist der Chemiker Yusuf. Es stellt sich aber schnell heraus, dass die Widerstandsprojektionen von Fisher militarisiert, d.h. spezifisch in Traum-Abwehr trainiert worden sind. Das Risiko ist dabei, dass der Tod im Traum einen hier nicht erwachen lassen wird, sondern ins Limbo fallen. In diesem Zustand läuft man Gefahr, demenziell zu werden, wenn man sich zu lange darin befindet. Für das Publikum wird damit Spannung erzeugt, weil die Mission jetzt am seidenen Faden hängt. Immerhin haben sie sich Fishers habhaft gemacht. Die Arbeit, ihm das Nichtantreten seines Erbes zu suggerieren, beginnt jetzt.

 

Hierzu wird die verregnete Stadt als Pseudo-Realität genutzt: Fisher wird hier glauben gemacht, dass er und Peter, der Vertraute seines Vaters, entführt worden sind. Peter ist hier eigentlich ein Trugbild; das Teammitglied Eames spricht da in Wahrheit. Als Peter erzählt er Fisher von einem alternativen Testament, das angeblich in einem geheimen Tresor versteckt werden soll und wonach das Firmenimperium des Vaters aufgeteilt werden würde. Diese Lüge gilt wie gesagt für Fisher fortan als vermeintliche Realität, wenn er in die nächst-tiefere Traum-Ebene gebracht wird. Das ist deshalb entscheidend, weil dort das riskante Manöver ausgeführt wird, in dem der Traum als solcher zu erkennen gegeben wird. Während das Team dort hinabgleitet mit Arthur als Dreamer, vollbringt der Dreamer Yusuf für den Rest des Films seine heldenhaften Fahrkünste und wird den Kick pünktlich auslösen.

 

Die zweite Traumebene im Hotel ist dann die komplizierteste. Cobb gibt sich als Sicherheitschef aus und überzeugt Fisher, dass er verfolgt wird. In der Toilette eliminiert Cobb Fishers Widerstandsprojektionen und durchsucht sie, wodurch er Fisher glauben macht, dass diese die Entführer waren. Daraufhin hilft Cobb Fisher dabei, sich an die Entführung in der verregneten «Wachwelt» zu erinnern: Die Entführer wollten eine Nummer. Die Täuschung wird dadurch glaubwürdiger. Sie brechen in Zimmer 528 ein, welches das Team natürlich vorbereitet hatte. Dort finden sie den Shared-Dream-Apparat – Cobb behauptet, die Entführer wollten Fisher erneut in einen Traum versetzen. Als daraufhin ein Mann mit dem Aussehen von Peter den Raum betritt, ist das ausnahmsweise nicht Teil des Plans. Es ist Fishers eigene Projektion von Peter, was Fisher aber nicht weiss. Das Gespräch mit dem Projektions-Peter ist an sich ein Selbstgespräch, in dem Peter so dargestellt wird, wie Fisher bereits von ihm dachte, wenn auch nicht ganz bewusst. Peters vermeintliche Absichten, das geheime Testament zu vernichten, machen diese vorbewusste Sichtweise nun bewusst. Jetzt geht es aber darum, dass Fisher zur Einsicht gelangen soll, ganz gleich ob es stimmt oder nicht, dass sich sein Vater gewünscht hatte, das Erbe möge nicht angetreten werden. Um dieses vermeintliche Geheimwissen zu erlangen, schlägt Cobb vor, das Team könne ins Unbewusste von Peter per Shared Dreaming eindringen. Das tun sie, nur ist keineswegs Peter der Dreamer, sondern Eames. Fisher wird in die Festung eindringen im Glauben, die Geheimnisse Peters zu enthüllen, und dabei nur tiefer in sich selber gehen, da sein Unbewusstes die Festung als sicheren Ort in Eemes’ Traum mit Inhalten füllen wird.

 

Die Finte geht insgesamt auf, nach abermals bewaffneten Widerständen und dem riskanten Umweg über den Limbo gelangt Fisher an das, was er für Peters Geheimnis hält, was aber eigentlich eine Erfüllung seiner eigenen Wünsche ist: das Vertrauen seines Vaters und die Ermutigung, seinen eigenen Weg zu gehen. Markiert wird diese Information vom Windrad, das Fisher wohl einst seinem Vater geschenkt hatte. Was das Windrad genau bedeutet, ist dem Team um Cobb nicht bekannt: Für das Team und die Zuschauer ist dies der Nabel des Traumes. Was aber klar ist, ist dass das Finden des Windrads zu einer intensiven emotionalen Rührung bei Fisher führt, die die Eingebung des Gedankens, den die Projektion seines Vaters ausspricht, verstärkt.

 

Die Vorgehensweise, Fisher dazu zu bringen, sich die gedankliche Eingebung selber zu geben, ist bemerkenswert. Sie erinnert ausserdem an eine behandlungstechnische Vorgehensweise psychoanalytischer Arbeit, die Freud 1912 im Text «Zur Dynamik der Übertragung» festgehalten hat: «Für die Selbstständigkeit des Kranken sorgen wir, indem wir die Suggestion dazu benützen, ihn eine psychische Arbeit vollziehen zu lassen, die eine dauernde Verbesserung seiner psychischen Situation zur notwendigen Folge hat.»

 

Ob die Suggestion bei Fisher jetzt eine Verbesserung seiner psychischen Situation oder einer erfüllenden Karriere geführt hat – oder zur Verbesserung der Situation des Auftraggebers – das lässt der Film offen. Wer hingegen offensichtlich eine psychische Heilung erfährt, ist der Entführer Cobb selbst!

 

Zentral ist dabei die Beziehung zwischen Ariadne und Cobb: Erstere nimmt ihm gegenüber eine therapeutische Rolle ein, insofern sie Cobb dabei unterstützt, seine Symptome und damit schlussendlich seine Erkrankung zu überwinden. Es ist diese Beziehung und die damit verbundene Aufarbeitung von Cobbs Vergangenheit, der man als Zuschauer vergleichsweise leicht folgen kann und die einen durch den Film leitet. Ein entscheidender Moment ist, als Ariadne erfährt, dass Cobb die Erinnerungen an seine Frau in einem Erinnerungsarchiv konserviert hat. Sie fordert darum von ihm, dass Cobb entweder Arthur darin einweiht oder sie an der Operation teilnehmen kann. Cobb ist mit letzterem einverstanden. Am Ende der Operation ist sie dann diejenige, die die Idee für die Rettung der Situation hat und Cobb schließlich dabei hilft, sein Symptom und damit seine Erkrankung zu überwinden. Mit Symptom ist hier die Projektion seiner verstorbenen Frau Maud gemeint, die ständig seine Arbeit sabotiert. Das passiert schon im allerersten Traum, in dem die Extraktion von Informationen von Saito ihretwegen fehlschlägt. Allerdings tritt das Symptom nicht immer nur in dieser Form auf. Es erscheint auch in Form seiner Kinder und, gleich zu Beginn der Mission, als deplatzierter Zug in der verregneten Stadt.

 

Wie ich in der Einführung gesagt hatte, entstehen Wahrnehmungsinhalte in Träumen entsprechend der Logik der Wunscherfüllung; und häufig eben als entstellte Wunscherfüllungen. Mit diesem Wissen lässt sich der Zug deuten. Später im Film erfahren wir, dass sich Cobb und seine Frau aus dem Limbo befreit haben, indem sie sich von ebendiesem Zug überfahren liessen. In entsprechender Weise überfährt der Zug auch fast Cobb. Es zeigt sich hier einerseits der Wunsch zu erwachen, andererseits zeigt sich aber auch der Wunsch mit seiner Frau zusammen im Limbo zu sein, da der Zug im letzten Moment auftauchte, in dem sie zusammen im Limbo waren. Wie man später im Film sieht, rief Maud, kurz bevor sie der Zug erfasste: «Because we will be together.» Der Zug ist auf diese Weise ein Kompromiss zwischen diesen beiden Wünschen.

 

Aber warum hat Cobb den Wunsch zu erwachen? Nun, er hat sein Team in eine hochgradig gefährliche Operation geführt, ohne dass jemand davon weiss. Man darf annehmen, dass er deswegen ein schlechtes Gewissen hat und als Reaktion darauf eben den Wunsch, die Situation ungeschehen zu machen, also zu erwachen. Das schlechte Gewissen führt wiederum zu einem Strafwunsch, der eben ebenfalls Befriedigung darin findet, dass Cobb von der Lokomotive fast erwischt wird. Auch das Motiv des Symptoms, Cobbs Arbeit zu sabotieren, drückt sich in der Lok aus. Der Englische Ausdruck, «to derail something», was wortwörtlich etwas entgleisen lassen heisst, bedeutet so viel wie: etwas Geplantes scheitern oder aus den Fugen geraten lassen.

 

Je tiefer Cobb in die Traumebenen herabsteigt, desto direkter wird er mit seinem Symptom konfrontiert. In Eames’ Traum taucht es als Maud auf und diese sabotiert seine Arbeit, indem sie Fisher erschießt. Es gelingt Cobb als Reaktion darauf, sie zu erschießen. Als er und Ariadne in den Limbo gehen, muss er sich dann abermals seiner Frau stellen. Dort kann er endlich erzählen, wie es eigentlich zu ihrem Tod gekommen war. Es ist dann Maud, die Tränen darüber vergießt. Dass der Wunsch, mit Maud zusammen im Limbo zu sein, die Ursache für die Sabotage von Cobbs Arbeit war, zeigt sich dann auch darin, dass Maud erst dann einwilligt Fisher gehen zu lassen, nachdem Cobb zusagt im Limbo zu bleiben. Ariadne zeigt sich zunächst schockiert darüber, aber Cobb erklärt, dass er dies tun muss, weil er ja noch Saito finden und aus dem Limbo herausholen muss. Bevor Ariadne den Kick nutzt, um in Eames’ Traum zu erwachen vollzieht sie noch ihren letzten therapeutischen Akt: Sie erschiesst Maud und hilft Cobb auf diese Weise, sie sterben zu lassen und sich so endlich von ihr zu lösen.

 

Es bleibt allerdings noch eine Frage zu klären. Wie manifestierte sich das Symptom, unter dem Cobb litt, im Wachleben? Darüber kann man strenggenommen nur spekulieren, da wir nur wenig von Cobbs Wachleben zu sehen bekommen. Eine plausible Antwort ist jedoch: Cobbs wiederkehrende Zweifel, ob er wach ist oder am Träumen.

 

Der Zweifel daran, ob er denn wach ist, ist so stark, dass er das Totem von Maud benutzen muss, um sich darüber zu vergewissern. Dies ist auffällig, denn zum Überprüfen, ob man wacht oder träumt, ist ein Totem eigentlich nicht nötig. Es gibt hierfür zahlreiche Techniken, die man jederzeit anwenden kann. Man kann versuchen trotz zugehaltener Nase durch diese zu atmen. Im Traum ist das problemlos möglich. Man kann ebenfalls auf Schriftzeichen schauen. Diese verschwimmen oder ergeben bei näherem Hinsehen keinen Sinn. Seinen Wachzustand zu prüfen, ist also nicht weiter schwierig. Erst recht ein Traumexperte wie Cobb bräuchte dafür keinerlei Totems. Streng genommen prüft ein Totem nämlich, ob er in einem eigenen oder in einem fremden Traum ist. Das ist der Grund, weswegen niemand anderes wissen darf, wie ein Totem beschaffen ist, denn sonst könnte man in einen fremden Traum entführt werden, in dem das Totem richtig funktioniert, und man wird vulnerabel für Extraktionen und Manipulationen à la Cobb. Dass er aber den Kreisel verwendet statt seines eigenen Totems ist ein Ausdruck der unbewussten Identifikation mit Maud. Für die Dauer, in der sich der Kreisel dreht, ist er in der Position von Maud und der Wunsch, er sei am Träumen, ist befriedigt. Es sind also weniger Momente einer tatsächlichen Überprüfung der Realität – diese könnte er leichter und schneller überprüfen – es sind Momente des Auflebenlassens von Maud, indem er ihre Position einnimmt.

 

Doch damit ist ja jetzt Schluss. In den letzten Momenten des Films dreht sich wieder der Kreisel. Doch Cobb vergisst völlig, ihm irgendeine Beachtung zu schenken. Er lässt den Kreisel hinter sich, so wie er die nun verarbeitete Trauer um seine Frau hinter sich lässt. Die musikalische Untermalung auf Cobbs Weg nach Hause verdeutlichte bereits, dass nun alle Spannungen und gegensätzlichen Wünsche aufgehoben sind. Der Kreisel beginnt zu schlingern und der Film lässt nun auch uns in die Realität erwachen. In der Rezeption des Filmes ist es jedoch so, dass die eine grosse Frage, die meistens diskutiert wird – meistens so ausgiebig, dass für andere Gesprächsinhalte kaum Platz vorhanden ist –, die ist, ob Cobb nun am Ende wach oder am Träumen ist. Das ist bemerkenswerterweise eben exakt die Frage, die sich Cobb immer wieder über den Film hinweg gestellt hat, als er von seinem Symptom heimgesucht wurde. Was ist da also wohl passiert? Ich deute es so, dass die Zuschauer, ihrerseits in eine Identifikation mit Cobb geraten, das Symptom übernommen haben, das Cobb auf dem Tisch zurückgelassen hat, und es auf die Filmrezeption übertragen. Wenn der Wunsch, den Film zu verstehen, enttäuscht wird, so kann immerhin dieser Zweifel als Ersatzbefriedigung dienen. Aber darauf sind wir ja nicht mehr angewiesen. Wir dürfen jetzt erwachen. Stay woke!

Der Ariadnefaden

Hintergrund

 

Christopher Nolan ist bekannt für seine obsessiven Filmprojekte. Sehr häufig sind sie von einer labyrinthischen Struktur geprägt, müssen mehrmals gesehen und mit Detektivarbeit auseinandergedröselt werden, um das Gezeigte überhaupt zu verstehen. Genauso akribisch ist meist auch seine Recherche-Arbeit zu den Hintergründen seiner Filme, sei es biographischer oder technischer Natur. Beim Thema Traum war seine Recherche auch intensiv, er erforschte dabei aber allein seine eigene Erfahrung damit. Er entdeckte nämlich zufällig durch äussere Umstände, dass man luzid träumen kann; also mit vollem Bewusstsein, dass man gerade in einem Traum ist und diesen auch beeinflusst. Die genannten äusseren Umstände waren das kostenlose Frühstück seines Studentenheims, das noch vor neun Uhr einzunehmen war, und seine Gewohnheit, nachts bis um vier zu arbeiten. Er stellte sich also einen für ihn sehr frühen Wecker und ging nach dem Frühstück immer sofort zurück ins Bett. Was er bald entdecken würde: so ein Rhythmus steigert die Wahrscheinlichkeit eines Klartraums. Diese Klarträume, die Nolan als «Superpower» bezeichnet, und seine Erfahrungen bei der aktiven Gestaltung eigener Träume bildeten die zentrale Inspiration für seinen Film «Inception».

 

Sich dem entstandenen Film «Inception» mit Freuds wissenschaftlicher Theorie der Träume nähern zu wollen, ist dabei interessant. Einerseits wusste Freud von der Existenz von Klarträumen und hat diese – sowie die Bedingungen ihrer Entstehung – in seiner «Traumdeutung» auch kurz kommentiert. Nolan ignorierte aber die wissenschaftliche Basis Freuds und verliess sich einzig auf seine eigenen Erfahrungen. Das Ergebnis aus der Perspektive von Freuds Denken zu kommentieren, ist also nicht redundant, sondern eher dialogisch: Nolan wie Freud haben ihr Wissen aus der aktiven Auseinandersetzung mit ihren eigenen Träumen gewonnen; Nolan mit künstlerischen Absichten, Freud mit wissenschaftlichen.

 

Ich denke deshalb, dass Cinépassion als Ort der psychoanalytischen Filmbetrachtung ein trefflicher Rahmen für diesen Film ist. Ich möchte deshalb schon vor dem Film das Funktionieren von Träumen allgemein und spezifisch in diesem Film etwas erklären. Ich habe mich hierfür einem Crashkurs in freudscher Traumtheorie meines Bruders Volker unterzogen; auch für weitere freudianische Inputs verdanke ich ihm viel. Meine Hoffnung dabei ist, dass der Film dadurch etwas weniger labyrinthisch wird und Ihnen dadurch ein insgesamt besseres, weil luzideres, Filmerlebnis beschert wird. Die Alternative ist entsprechend, dass Sie sich im actionreichen Filmtraum verlieren und ihn hinterher alsbald vergessen.

 

Zum einen wäre da die grundlegende Regel, dass alle bewussten Sinnesinhalte in Träumen die Erfüllung von Wünschen sind. Diese Wünsche sind aber häufig verdrängt, weswegen dagegen Widerstände existieren; die Form, in der Wünsche in Träumen erfüllt werden, ist meist entstellt. Wichtig ist auch, dass Wunscherfüllungen in Träumen spontan und überraschend auftauchen können. Doch nicht alles in einem Traum dient diesem Prinzip der Wunscherfüllung. Die sogenannte sekundäre Bearbeitung ist der bewusste Denkprozess innerhalb des bewussten Traumes. Dieser findet gedankliche Zusammenhänge zwischen den Trauminhalten, sodass ein Traum unterschiedlich kohärent erlebt wird. In luziden Träumen ist die sekundäre Bearbeitung am stärksten, sodass solche Träume wie die jetzt gleich im Film sehr kohärent sind. Dahingehend ist der Film also realistisch.

 

Um genau zu sein, ist Inception ein Science-Fiction-Film. Realitätsnah, aber mit einer fiktiven Technologie, die auf einer gesetzmässigen und vorhersehbaren Weise funktioniert, das Shared Dreaming. Diese Technologie wird im Film nur recht dürftig erklärt, eine Regel wird sogar ganz verschwiegen. Es braucht also eine kurze Einführung:

 

Im Shared Dreaming gibt es verschiedene Rollen, ich verwende die englischen Audrücke aus dem O-Ton des Films. Da wäre zum einen der Architect, der oder die die Traum-Kulisse entworfen hat. In diese Welt wird der Target entführt, also die Zielperson der Mission. Der Target bevölkert die vom Architect vorgegebene Welt, sodass zum Beispiel die Passanten von seinem Unbewussten hervorgebracht werden. Wenn der Architect in seinem Entwurf einen besonders sicheren Ort vorgesehen hat, zum Beispiel einen Tresor, so befüllt der Target diesen mit schützenswerter Information, mit Geheimnissen. Die Entführer können nun dorthin einbrechen und somit an die Geheimnisse des Target gelangen.

 

Die zentrale Figur ist jedoch der Dreamer. Er ist es, in dessen Traum die vom Architect entworfene Kulisse verwendet wird und wohin der Target entführt wird. Der Dreamer hat dort dank seiner Sonderstellung auch heldenhafte Fähigkeiten; er ist der «James Bond» seines Traumes.

 

Der Clou im Film wird sein, dass das Shared Dreaming tatsächlich auch innerhalb eines Traumes verwendet wird. Der Architect kann eine andere Kulisse zur Verfügung stellen, der Target kann in einen neuen Traum im Traum auf diese Kulisse gezogen werden und jemand anderes wird dort dann der «James Bond» sein. Letzteres ist wichtig: Der Dreamer eines Traumes kann nicht in den nächst-tieferen Traum gehen; seine Aufgabe wird es sein, den ursprünglichen Traum stabil zu halten.

 

Und das ist insgesamt mein roter Faden für Sie, wenn Sie gleich durchs Labyrinth gehen: Behalten Sie im Kopf, wer der Dreamer ist und welche Annahmen der Target jeweils trifft und entsprechend derer die Traumwelten bevölkert. Das wird dabei helfen, das komplexe Geflecht von Träumen innerhalb von anderen Träumen zu lösen.

 

Sie haben hoffentlich, das darf ebenfalls nicht Vergessenheit gehen, auch etwas Spass am Film!

 

Kommentar

 

Ich denke, ich habe nicht zu viel versprochen. Inception ist komplex und verschachtelt. Zum einen wegen der sich ständig verzweigenden Haupthandlung von der Inception, zum anderen ist da noch die Nebenhandlung, die sich um Cobb und seine verstorbene Frau Maud dreht, und dann gebraucht der Film allerlei Symbole und Action. Mein Kommentar wird zunächst einmal die Haupthandlung aufdröseln, basierend auf mehreren aufmerksamen Visionierungen.

 

Das Flugzeug-Setting zeigt uns die Realität. Das Team rund um Cobb schläft dort zusammen mit Fisher in einem Shared Dream ein. Der Träumer ist der Chemiker Yusuf. Es stellt sich aber schnell heraus, dass die Widerstandsprojektionen von Fisher militarisiert, d.h. spezifisch in Traum-Abwehr trainiert worden sind. Das Risiko ist dabei, dass der Tod im Traum einen hier nicht erwachen lassen wird, sondern ins Limbo fallen. In diesem Zustand läuft man Gefahr, demenziell zu werden, wenn man sich zu lange darin befindet. Für das Publikum wird damit Spannung erzeugt, weil die Mission jetzt am seidenen Faden hängt. Immerhin haben sie sich Fishers habhaft gemacht. Die Arbeit, ihm das Nichtantreten seines Erbes zu suggerieren, beginnt jetzt.

 

Hierzu wird die verregnete Stadt als Pseudo-Realität genutzt: Fisher wird hier glauben gemacht, dass er und Peter, der Vertraute seines Vaters, entführt worden sind. Peter ist hier eigentlich ein Trugbild; das Teammitglied Eames spricht da in Wahrheit. Als Peter erzählt er Fisher von einem alternativen Testament, das angeblich in einem geheimen Tresor versteckt werden soll und wonach das Firmenimperium des Vaters aufgeteilt werden würde. Diese Lüge gilt wie gesagt für Fisher fortan als vermeintliche Realität, wenn er in die nächst-tiefere Traum-Ebene gebracht wird. Das ist deshalb entscheidend, weil dort das riskante Manöver ausgeführt wird, in dem der Traum als solcher zu erkennen gegeben wird. Während das Team dort hinabgleitet mit Arthur als Dreamer, vollbringt der Dreamer Yusuf für den Rest des Films seine heldenhaften Fahrkünste und wird den Kick pünktlich auslösen.

 

Die zweite Traumebene im Hotel ist dann die komplizierteste. Cobb gibt sich als Sicherheitschef aus und überzeugt Fisher, dass er verfolgt wird. In der Toilette eliminiert Cobb Fishers Widerstandsprojektionen und durchsucht sie, wodurch er Fisher glauben macht, dass diese die Entführer waren. Daraufhin hilft Cobb Fisher dabei, sich an die Entführung in der verregneten «Wachwelt» zu erinnern: Die Entführer wollten eine Nummer. Die Täuschung wird dadurch glaubwürdiger. Sie brechen in Zimmer 528 ein, welches das Team natürlich vorbereitet hatte. Dort finden sie den Shared-Dream-Apparat – Cobb behauptet, die Entführer wollten Fisher erneut in einen Traum versetzen. Als daraufhin ein Mann mit dem Aussehen von Peter den Raum betritt, ist das ausnahmsweise nicht Teil des Plans. Es ist Fishers eigene Projektion von Peter, was Fisher aber nicht weiss. Das Gespräch mit dem Projektions-Peter ist an sich ein Selbstgespräch, in dem Peter so dargestellt wird, wie Fisher bereits von ihm dachte, wenn auch nicht ganz bewusst. Peters vermeintliche Absichten, das geheime Testament zu vernichten, machen diese vorbewusste Sichtweise nun bewusst. Jetzt geht es aber darum, dass Fisher zur Einsicht gelangen soll, ganz gleich ob es stimmt oder nicht, dass sich sein Vater gewünscht hatte, das Erbe möge nicht angetreten werden. Um dieses vermeintliche Geheimwissen zu erlangen, schlägt Cobb vor, das Team könne ins Unbewusste von Peter per Shared Dreaming eindringen. Das tun sie, nur ist keineswegs Peter der Dreamer, sondern Eames. Fisher wird in die Festung eindringen im Glauben, die Geheimnisse Peters zu enthüllen, und dabei nur tiefer in sich selber gehen, da sein Unbewusstes die Festung als sicheren Ort in Eemes’ Traum mit Inhalten füllen wird.

 

Die Finte geht insgesamt auf, nach abermals bewaffneten Widerständen und dem riskanten Umweg über den Limbo gelangt Fisher an das, was er für Peters Geheimnis hält, was aber eigentlich eine Erfüllung seiner eigenen Wünsche ist: das Vertrauen seines Vaters und die Ermutigung, seinen eigenen Weg zu gehen. Markiert wird diese Information vom Windrad, das Fisher wohl einst seinem Vater geschenkt hatte. Was das Windrad genau bedeutet, ist dem Team um Cobb nicht bekannt: Für das Team und die Zuschauer ist dies der Nabel des Traumes. Was aber klar ist, ist dass das Finden des Windrads zu einer intensiven emotionalen Rührung bei Fisher führt, die die Eingebung des Gedankens, den die Projektion seines Vaters ausspricht, verstärkt.

 

Die Vorgehensweise, Fisher dazu zu bringen, sich die gedankliche Eingebung selber zu geben, ist bemerkenswert. Sie erinnert ausserdem an eine behandlungstechnische Vorgehensweise psychoanalytischer Arbeit, die Freud 1912 im Text «Zur Dynamik der Übertragung» festgehalten hat: «Für die Selbstständigkeit des Kranken sorgen wir, indem wir die Suggestion dazu benützen, ihn eine psychische Arbeit vollziehen zu lassen, die eine dauernde Verbesserung seiner psychischen Situation zur notwendigen Folge hat.»

 

Ob die Suggestion bei Fisher jetzt eine Verbesserung seiner psychischen Situation oder einer erfüllenden Karriere geführt hat – oder zur Verbesserung der Situation des Auftraggebers – das lässt der Film offen. Wer hingegen offensichtlich eine psychische Heilung erfährt, ist der Entführer Cobb selbst!

 

Zentral ist dabei die Beziehung zwischen Ariadne und Cobb: Erstere nimmt ihm gegenüber eine therapeutische Rolle ein, insofern sie Cobb dabei unterstützt, seine Symptome und damit schlussendlich seine Erkrankung zu überwinden. Es ist diese Beziehung und die damit verbundene Aufarbeitung von Cobbs Vergangenheit, der man als Zuschauer vergleichsweise leicht folgen kann und die einen durch den Film leitet. Ein entscheidender Moment ist, als Ariadne erfährt, dass Cobb die Erinnerungen an seine Frau in einem Erinnerungsarchiv konserviert hat. Sie fordert darum von ihm, dass Cobb entweder Arthur darin einweiht oder sie an der Operation teilnehmen kann. Cobb ist mit letzterem einverstanden. Am Ende der Operation ist sie dann diejenige, die die Idee für die Rettung der Situation hat und Cobb schließlich dabei hilft, sein Symptom und damit seine Erkrankung zu überwinden. Mit Symptom ist hier die Projektion seiner verstorbenen Frau Maud gemeint, die ständig seine Arbeit sabotiert. Das passiert schon im allerersten Traum, in dem die Extraktion von Informationen von Saito ihretwegen fehlschlägt. Allerdings tritt das Symptom nicht immer nur in dieser Form auf. Es erscheint auch in Form seiner Kinder und, gleich zu Beginn der Mission, als deplatzierter Zug in der verregneten Stadt.

 

Wie ich in der Einführung gesagt hatte, entstehen Wahrnehmungsinhalte in Träumen entsprechend der Logik der Wunscherfüllung; und häufig eben als entstellte Wunscherfüllungen. Mit diesem Wissen lässt sich der Zug deuten. Später im Film erfahren wir, dass sich Cobb und seine Frau aus dem Limbo befreit haben, indem sie sich von ebendiesem Zug überfahren liessen. In entsprechender Weise überfährt der Zug auch fast Cobb. Es zeigt sich hier einerseits der Wunsch zu erwachen, andererseits zeigt sich aber auch der Wunsch mit seiner Frau zusammen im Limbo zu sein, da der Zug im letzten Moment auftauchte, in dem sie zusammen im Limbo waren. Wie man später im Film sieht, rief Maud, kurz bevor sie der Zug erfasste: «Because we will be together.» Der Zug ist auf diese Weise ein Kompromiss zwischen diesen beiden Wünschen.

 

Aber warum hat Cobb den Wunsch zu erwachen? Nun, er hat sein Team in eine hochgradig gefährliche Operation geführt, ohne dass jemand davon weiss. Man darf annehmen, dass er deswegen ein schlechtes Gewissen hat und als Reaktion darauf eben den Wunsch, die Situation ungeschehen zu machen, also zu erwachen. Das schlechte Gewissen führt wiederum zu einem Strafwunsch, der eben ebenfalls Befriedigung darin findet, dass Cobb von der Lokomotive fast erwischt wird. Auch das Motiv des Symptoms, Cobbs Arbeit zu sabotieren, drückt sich in der Lok aus. Der Englische Ausdruck, «to derail something», was wortwörtlich etwas entgleisen lassen heisst, bedeutet so viel wie: etwas Geplantes scheitern oder aus den Fugen geraten lassen.

 

Je tiefer Cobb in die Traumebenen herabsteigt, desto direkter wird er mit seinem Symptom konfrontiert. In Eames’ Traum taucht es als Maud auf und diese sabotiert seine Arbeit, indem sie Fisher erschießt. Es gelingt Cobb als Reaktion darauf, sie zu erschießen. Als er und Ariadne in den Limbo gehen, muss er sich dann abermals seiner Frau stellen. Dort kann er endlich erzählen, wie es eigentlich zu ihrem Tod gekommen war. Es ist dann Maud, die Tränen darüber vergießt. Dass der Wunsch, mit Maud zusammen im Limbo zu sein, die Ursache für die Sabotage von Cobbs Arbeit war, zeigt sich dann auch darin, dass Maud erst dann einwilligt Fisher gehen zu lassen, nachdem Cobb zusagt im Limbo zu bleiben. Ariadne zeigt sich zunächst schockiert darüber, aber Cobb erklärt, dass er dies tun muss, weil er ja noch Saito finden und aus dem Limbo herausholen muss. Bevor Ariadne den Kick nutzt, um in Eames’ Traum zu erwachen vollzieht sie noch ihren letzten therapeutischen Akt: Sie erschiesst Maud und hilft Cobb auf diese Weise, sie sterben zu lassen und sich so endlich von ihr zu lösen.

 

Es bleibt allerdings noch eine Frage zu klären. Wie manifestierte sich das Symptom, unter dem Cobb litt, im Wachleben? Darüber kann man strenggenommen nur spekulieren, da wir nur wenig von Cobbs Wachleben zu sehen bekommen. Eine plausible Antwort ist jedoch: Cobbs wiederkehrende Zweifel, ob er wach ist oder am Träumen.

 

Der Zweifel daran, ob er denn wach ist, ist so stark, dass er das Totem von Maud benutzen muss, um sich darüber zu vergewissern. Dies ist auffällig, denn zum Überprüfen, ob man wacht oder träumt, ist ein Totem eigentlich nicht nötig. Es gibt hierfür zahlreiche Techniken, die man jederzeit anwenden kann. Man kann versuchen trotz zugehaltener Nase durch diese zu atmen. Im Traum ist das problemlos möglich. Man kann ebenfalls auf Schriftzeichen schauen. Diese verschwimmen oder ergeben bei näherem Hinsehen keinen Sinn. Seinen Wachzustand zu prüfen, ist also nicht weiter schwierig. Erst recht ein Traumexperte wie Cobb bräuchte dafür keinerlei Totems. Streng genommen prüft ein Totem nämlich, ob er in einem eigenen oder in einem fremden Traum ist. Das ist der Grund, weswegen niemand anderes wissen darf, wie ein Totem beschaffen ist, denn sonst könnte man in einen fremden Traum entführt werden, in dem das Totem richtig funktioniert, und man wird vulnerabel für Extraktionen und Manipulationen à la Cobb. Dass er aber den Kreisel verwendet statt seines eigenen Totems ist ein Ausdruck der unbewussten Identifikation mit Maud. Für die Dauer, in der sich der Kreisel dreht, ist er in der Position von Maud und der Wunsch, er sei am Träumen, ist befriedigt. Es sind also weniger Momente einer tatsächlichen Überprüfung der Realität – diese könnte er leichter und schneller überprüfen – es sind Momente des Auflebenlassens von Maud, indem er ihre Position einnimmt.

 

Doch damit ist ja jetzt Schluss. In den letzten Momenten des Films dreht sich wieder der Kreisel. Doch Cobb vergisst völlig, ihm irgendeine Beachtung zu schenken. Er lässt den Kreisel hinter sich, so wie er die nun verarbeitete Trauer um seine Frau hinter sich lässt. Die musikalische Untermalung auf Cobbs Weg nach Hause verdeutlichte bereits, dass nun alle Spannungen und gegensätzlichen Wünsche aufgehoben sind. Der Kreisel beginnt zu schlingern und der Film lässt nun auch uns in die Realität erwachen. In der Rezeption des Filmes ist es jedoch so, dass die eine grosse Frage, die meistens diskutiert wird – meistens so ausgiebig, dass für andere Gesprächsinhalte kaum Platz vorhanden ist –, die ist, ob Cobb nun am Ende wach oder am Träumen ist. Das ist bemerkenswerterweise eben exakt die Frage, die sich Cobb immer wieder über den Film hinweg gestellt hat, als er von seinem Symptom heimgesucht wurde. Was ist da also wohl passiert? Ich deute es so, dass die Zuschauer, ihrerseits in eine Identifikation mit Cobb geraten, das Symptom übernommen haben, das Cobb auf dem Tisch zurückgelassen hat, und es auf die Filmrezeption übertragen. Wenn der Wunsch, den Film zu verstehen, enttäuscht wird, so kann immerhin dieser Zweifel als Ersatzbefriedigung dienen. Aber darauf sind wir ja nicht mehr angewiesen. Wir dürfen jetzt erwachen. Stay woke!

Der Ariadnefaden