Lose Gedanken zum Kindergarten
Und darum hatte die Liedzeile so einen Anklang bei mir. Es gibt Gedanken, die ich noch heute zu meinem weltanschaulichen Repertoire zähle, die ich zu allererst in meinem Kindergarten gefasst hatte. Ein grosses Thema war für mich die (Ir)Realität sozialer Gepflogenheiten. Ich beobachtete, zu welchen Abläufen ich belehrt wurde, die an sich keine materielle Notwendigkeit besassen. Höflichkeit, etwa, oder der Ablauf der Aktivitäten -- man durfte nicht in die Spiele-Ecke, bis alle ihre Bastelarbeiten beendet hatten, auch wenn man selber schneller gewesen war. So verlangte es der Anstand -- oder die vielen Regeln, was man wann spielen durfte oder musste. Ich erinnere mich noch, dass ich selbst den Wert des Geldes als etwas vermutet hatte, das nicht inhärent wertvoll ist, aber als kollektiv vereinbarte, sozial emergente Qualität existiert.
Meine Kindergartenzeit bedeutet mir wirklich viel. Immer wieder kommen mir Momente daraus in den Sinn und helfen mir, meine Gegenwart etwas besser zu verstehen.
Doch noch etwas anderes regte meine Gedanken zum Kindergarten an. Die US-Band schreibt den Titel als "Kindergarten", also mit <t>. Und tatsächlich schreibt man in den USA das Wort überall so. Man spricht zwar -garten mit weichem /d/ aus, doch behält das Wort schriftlich gleich wie im Deutschen bei. Ferner: Das Wort "Kinder" ist in keiner Weise Teil des englischen Wortschatzes. Das Wort "Kindergarten" ist also ein Lehnwort, das sie wohl nicht in ihren Einzelteilen begreifen. Ein wenig wie Iceberg vermutlich nicht als "Berg aus Eis" verstanden wird, da Berg kein englisches Wort ist. Tatsächlich finde ich einen Kommentar auf Reddit eines Elternteils, das erst in jenem Moment des Kommentierens begreift, wofür Kindergarten eigentlich steht.
Ich gehe Übersetzungen von "Kindergarten" in anderen Sprachen durch und sehe noch weitere Sprachen neben dem Englischen, die das Wort tel-quel oder zumindest als Lehnübersetzung übernommen haben: Russisch, Griechisch, Hindi, Bengali, Malaysisch, …

Langhaariger Hippie, basisdemokratischer Pädagogik-Prediger, naturspiritueller Kinderversteher: Friedrich Fröbel, Erfinder des Kindergartens
Der Grund dafür ist schlicht und ergreifend: Der Kindergarten kommt nicht von ungefähr, er kommt aus Deutschland. Er ist eine Erfindung des deutschen Pädagogen Friedrich Fröbel. Je mehr ich über ihn herausfinde, desto interessanter und persönlich berührender wird dieses Rabbithole. Fröbel trug eine ungewohnt langhaarige Frisur, obschon er dem frühen 19. Jahrhundert entstammte. Seine Porträts akzentuieren alle seine Hakennase und seinen sanften Blick. Man vertraut diesem Mann sofort. Er sieht gutmütig und auf eine heitere Weise verschroben aus. Natürlich hat so jemand den Kindergarten erfunden! Doch diese Verschrobenheit ist nicht gänzlich unschuldig im 19. Jahrhundert: Nach der gescheiterten Revolution von 1848 versucht der deutsche Kaiser alles Demokratische im Land zu schwächen. Fröbels Konzept von einem Kinderhort, an dem alle(!) Kinder eine Grunderziehung geniessen, war in den Augen der Reaktionären durchaus subversiv und gefährlich! Heutzutage ist der Anblick eines Kindergartens etwas rein Alltägliches. Man erwartet völlig selbstverständlich, einen Kindergarten in jeder Kleinstadt, in jeder Wohngegend und in regelmässigen Abständen auf dem Land anzutreffen. Es ist auch bezeichnend, wie heterogen die Länder sind, in denen es Kindergärten gibt: Diese Länder unterscheiden sich in Religion, politischer Struktur und Geschichte; und doch sind sich alle einig, dass der Kindergarten eine gute und nützliche Sache ist. Doch zu Fröbels Zeiten war sein Konzept ein Politikum; es war unerhört, dass man sogar den Kindern aus armen Familien so etwas wie Pädagogik und Fürsorge offerieren wollte. Fröbel war der Lenin der Kinderpädagogik!
Aus diesem Grund wurden Kindergärten deutschlandweit verboten und die bereits von Fröbel ausgebildeten Kindergärtnerinnen und -gärtner sahen sich gezwungen, ihre Tätigkeit im Ausland fortzuführen. Es ist ironischerweise der Verbot des Kindergartens im deutschen Reich, der ihn zum nachhaltigen deutschen Top-Exportschlager werden liess.
Ich kann aber irgendwo nachvollziehen, dass Fröbels Kindergärten den Autoritären ein Dorn im Auge waren. Fröbel war nicht still oder konfliktscheu in seinem Ausdruck. Er postulierte und predigte geradezu, wenn es um Konzepte der Pädagogik ging. Er brachte neben Kinderpädagogik auch die Frauenpädagogik voran und das mit durchaus demokratischem Pathos: Menschen zu erziehen, und zwar alle Menschen, sah er als wichtigen Schritt zu einer freieren und insgesamt besseren Gesellschaft. Im Kindergarten wächst laut ihm die aufgeklärte Gesellschaft von morgen.
Und aus diesem Grund sind Fröbels Äusserungen eine sozio-politische Schatztruhe, in der man die vielen aufklärerischen und naturalistischen Ideale der Zeit widergespiegelt sieht:
"Die Schule als eine Anstalt zur Aneignung einer größeren oder geringeren Menge von Mannigfaltigkeiten und darum Äußerlichkeiten macht die Schule keineswegs zur Schule, sondern einzig der geistige, lebendige Hauch und Odem, der alle Dinge belebt, in dem alle Dinge sich bewegen."
Fröbel sieht die Schule also als spirituelle Mission an, in der es um nichts Geringeres als die eine ewige und universelle Lebensenergie geht!
"Bei der Erziehung muss man etwas aus dem Menschen herausbringen und nicht in ihn hinein."
"Kinder sind wie Blumen. Man muss sich zu ihnen nieder beugen, wenn man sie erkennen will."
Auch hier erahnen wir den Gedanken des Lebens-Odems. Es ist bereits viel in einem Kind, so viel wie in der Natur selbst. Es gehe darum, dieses Viele und Grosse im Kind zu finden; DAS sei Erziehung. Man bemerkt auch eine Spitze gegen autoritäres top-down-Denken, wenn sein "top-down" die Bewegung zum vermeintlich niederen Subjekt ist. Sich auf Augenhöhe hinab begeben. Sehr sympathisch!
"Im Spiel entdeckt das Kind die Welt und sich selbst."
"Die Quelle alles Guten liegt im Spiel."
"Das Spiel ist die höchste Form der Entwicklung."
Ich verehre Fröbel für diese Aussagen! Es ist eine Schattenseite der modernen Welt, dass dem Spiel so wenig Bedeutung beigemessen wird. Pseudointellektuelle sind sich häufig zu fein, um Sport zu betreiben oder als Spektakel zu geniessen. Viele halbschadig intellektualisierende Leute ohne jegliche Neugier oder aufrichtige Durchdachtheit ihrer Positionen blicken gerne herab auf Videospiele. Karnevale wie Pride-Paraden oder Technofestivals werden von allen Seiten kritisch beäugt und mit erhobenem moralisierenden Finger getadelt. Doch ich gebe Friedrich Fröbel sehr Recht dabei, dass wir uns und die Welt ohne Spiel nie verstehen würden. Und das ist gerade in jungem Alter von unendlicher Wichtigkeit! Und auch später, so mein Ceterum Censeo, muss der Mensch spielen!
Doch sein Kindergarten war neben dem Spiel auch zum Arbeiten da. Den Kindern sollten grundlegende Fähigkeiten beigebracht werden, insbesondere im Umgang mit der Natur. Auch hier dominiert die Idee der universellen Lebenserfahrung:
"Denn wohl ist die Schule das Höchste, aber nur dann, wenn sie Leben ist."
"Religion ohne Werktätigkeit, ohne Arbeit läuft Gefahr, leere Träumerei, nichtige Schwärmerei, gehaltloses Phantom zu werden, so wie Arbeit, Werktätigkeit ohne Religion den Menschen zum Lasttier, zur Maschine macht."
Man bemerkt das delikate Zusammenspiel einer religiös orientierten Arbeitsmoral und einem Wunsch nach einer sinnvollen und wohltuenden Erziehung. Und gerade der letzte Teil des letzten Zitats mutet politisch an. Ja, man soll arbeiten, doch man läuft Gefahr als Lasttier und Maschine ausgebeutet zu werden. Fröbel betont nach wie vor Mündigkeit und Emanzipation als Mensch.
"Der Mensch ist aber nicht allein auf der Welt; die ganze Außenwelt ist Gegenstand seines Erkennens und Mittel zu seiner Entwicklung und Ausbildung."
"So sollen Arbeit, Unterricht und Spiel ein ungestücktes Lebensganzes und der Grund eines künftigen ungeteilten, tatkräftigen, einsichtigen und freudigen Lebens werden."
"Das kleinste Samenkorn trägt das große Ganze in sich und entwickelt es im Zusammenhang mit dem großen Lebensganzen. So trage auch ich als Mensch die ganze Vergangenheit, die Fülle der Gegenwart und den Reichtum der Zukunft in mir."
Friedrich Fröbel gab den Kindern in seinen Kindergärten ein Geschenk, in dem all diese Ideen subtil nachhallen. Die sogenannten Fröbelgaben sind ein Koffer voller geometrischer Formen aus Holz. Selbst das Material ist hier durchaus politisch: Holz war günstig und viel vorhanden, sodass die Fröbelgaben in grosser Zahl produziert werden konnten. Es entsteht eine Einheitsästhetik, die doch ansprechend ist. Das wurde nachgemacht, zum Beispiel von Carl Orff mit seinen Kinder-Instrumenten. Die geometrischen Formen haben den Sinn, die Neugier am Bauen und Kombinieren zu erwecken. Die Fröbelgaben werden von Aufgaben begleitet, die für Kinder verschiedener Altersstufen gedacht sind. Immer mehr sollen die Kinder mit der Zeit lernen, die Formen zu komplexeren Gebilden zu formen und schwierigere Aufgaben damit zu lösen.
Als Begleitung zur naturnahen Erziehung sind die Fröbelgaben eine Einführung in menschliches Denken. Abstrakt sind die Formen, sie sind Gedanken zum Anfassen. Und sie vermitteln die Welt als etwas modular Einteilbares, Verstehbares und Imitierbares. Und das ist erforschbar als Spiel!
Und hier kam mein Rabbithole auf einen Höhepunkt: Nachdem also die Kindergärten in Deutschland verboten worden waren, emigrierten manche der Kindergärtnerinnen und -gärtner unter anderem auch in die USA. Die religiös motivierten, aber nicht überdeterminierten, und demokratisch orientierten Ideen fanden viel Anklang dort. Sie verbreiteten sich überall in den Staaten, auch in ländlichen Gegenden. Und in einer kleinen Gemeinde in Wisconsin hatte ein gewisses Kind in einem neu etablierten Kindergarten ganz besonders viel Freude an den "Frobel Gifts". Eifrig spielte es mit ihnen und skizzierte seine kleinen Bauwerke. Diese Faszination entwickelte es stetig weiter und später wurde dieses Kind, dann bekannt als Frank Lloyd Wright, ein gefeierter Architekt. Und nach wie vor gab Wright an, die Fröbelgaben immer noch vor seinem inneren Auge zu sehen.
Und auch woanders bin ich auf die Fröbelgaben gestossen. Der begnadete Animations-Filmemacher Hayao Miyazaki ist für seine empathischen Kinderfilme bekannt, aber auch für seine starken Meinungen in Sachen Erziehung. Für die Angestellten seines Animations-Studios hat er eigens ein Kindergarten entworfen und bauen lassen. Die Kinder sollen dort möglichst viel im Freien sein und viele praktische Fähigkeiten lernen. Ich denke, dass hier mehr als nur eine zufällige Parallele besteht. Miyazakis Karriere startete u.a. mit Heidi, wofür sein Arbeitgeber auch Reisen in die Schweiz finanzierte. Es liegt nahe, dass auch eingehende Recherchen in die Entwicklung der Pädagogik zu der Zeit im Budget lagen. Die Autorin der Heidi-Geschichte, Johanna Spyri, gibt den Geist dieser Zeit im Text ständig wieder: Es wird Natur betont, die inhärente Qualität des Kindes und der Kindheit und die wichtige Rolle der Empathie. Der Sprung zu Fröbel ist hier wahrlich nicht mehr weit. Tatsächlich muss man nur in Miyazakis neuesten Film hineinschauen, "Der Junge und der Reiher".

Filmstill aus "Der Junge und der Reiher" von Hayao Miyazaki
Im Film kommt eine Figur vor, deren Rolle nicht klar deklariert wird, doch vage als ältester Gelehrter und Beschützer der Fantasiewelt gesehen werden kann. Seine Aufgabe, die Welt in einer Balance zu halten, wird versinnbildlicht mit weissen geometrischen Figuren, die der Gelehrte immer wieder aufeinanderstapelt, ohne dass sie kippen.
Da auch hier Gedanken einer universellen, inneren Kraft der Welt aufkommen und Miyazaki mit grösster Wahrscheinlichkeit von Fröbels Philosophie erfahren hat, deklariere ich folgendes als erster im Internet (und somit wahrscheinlich überhaupt): Die Figuren in "Der Junge und der Reiher" sind Fröbelgaben!
Und hier endet vorerst dieses Rabbithole. Ein guter Moment, um rauszugehen und ein bisschen im Freien zu spielen, nicht wahr? Für den Glauben und die Demokratie 😉

Die Fröbelgaben
Und darum hatte die Liedzeile so einen Anklang bei mir. Es gibt Gedanken, die ich noch heute zu meinem weltanschaulichen Repertoire zähle, die ich zu allererst in meinem Kindergarten gefasst hatte. Ein grosses Thema war für mich die (Ir)Realität sozialer Gepflogenheiten. Ich beobachtete, zu welchen Abläufen ich belehrt wurde, die an sich keine materielle Notwendigkeit besassen. Höflichkeit, etwa, oder der Ablauf der Aktivitäten -- man durfte nicht in die Spiele-Ecke, bis alle ihre Bastelarbeiten beendet hatten, auch wenn man selber schneller gewesen war. So verlangte es der Anstand -- oder die vielen Regeln, was man wann spielen durfte oder musste. Ich erinnere mich noch, dass ich selbst den Wert des Geldes als etwas vermutet hatte, das nicht inhärent wertvoll ist, aber als kollektiv vereinbarte, sozial emergente Qualität existiert.
Meine Kindergartenzeit bedeutet mir wirklich viel. Immer wieder kommen mir Momente daraus in den Sinn und helfen mir, meine Gegenwart etwas besser zu verstehen.
Doch noch etwas anderes regte meine Gedanken zum Kindergarten an. Die US-Band schreibt den Titel als "Kindergarten", also mit <t>. Und tatsächlich schreibt man in den USA das Wort überall so. Man spricht zwar -garten mit weichem /d/ aus, doch behält das Wort schriftlich gleich wie im Deutschen bei. Ferner: Das Wort "Kinder" ist in keiner Weise Teil des englischen Wortschatzes. Das Wort "Kindergarten" ist also ein Lehnwort, das sie wohl nicht in ihren Einzelteilen begreifen. Ein wenig wie Iceberg vermutlich nicht als "Berg aus Eis" verstanden wird, da Berg kein englisches Wort ist. Tatsächlich finde ich einen Kommentar auf Reddit eines Elternteils, das erst in jenem Moment des Kommentierens begreift, wofür Kindergarten eigentlich steht.
Ich gehe Übersetzungen von "Kindergarten" in anderen Sprachen durch und sehe noch weitere Sprachen neben dem Englischen, die das Wort tel-quel oder zumindest als Lehnübersetzung übernommen haben: Russisch, Griechisch, Hindi, Bengali, Malaysisch, …

Langhaariger Hippie, basisdemokratischer Pädagogik-Prediger, naturspiritueller Kinderversteher: Friedrich Fröbel, Erfinder des Kindergartens
Der Grund dafür ist schlicht und ergreifend: Der Kindergarten kommt nicht von ungefähr, er kommt aus Deutschland. Er ist eine Erfindung des deutschen Pädagogen Friedrich Fröbel. Je mehr ich über ihn herausfinde, desto interessanter und persönlich berührender wird dieses Rabbithole. Fröbel trug eine ungewohnt langhaarige Frisur, obschon er dem frühen 19. Jahrhundert entstammte. Seine Porträts akzentuieren alle seine Hakennase und seinen sanften Blick. Man vertraut diesem Mann sofort. Er sieht gutmütig und auf eine heitere Weise verschroben aus. Natürlich hat so jemand den Kindergarten erfunden! Doch diese Verschrobenheit ist nicht gänzlich unschuldig im 19. Jahrhundert: Nach der gescheiterten Revolution von 1848 versucht der deutsche Kaiser alles Demokratische im Land zu schwächen. Fröbels Konzept von einem Kinderhort, an dem alle(!) Kinder eine Grunderziehung geniessen, war in den Augen der Reaktionären durchaus subversiv und gefährlich! Heutzutage ist der Anblick eines Kindergartens etwas rein Alltägliches. Man erwartet völlig selbstverständlich, einen Kindergarten in jeder Kleinstadt, in jeder Wohngegend und in regelmässigen Abständen auf dem Land anzutreffen. Es ist auch bezeichnend, wie heterogen die Länder sind, in denen es Kindergärten gibt: Diese Länder unterscheiden sich in Religion, politischer Struktur und Geschichte; und doch sind sich alle einig, dass der Kindergarten eine gute und nützliche Sache ist. Doch zu Fröbels Zeiten war sein Konzept ein Politikum; es war unerhört, dass man sogar den Kindern aus armen Familien so etwas wie Pädagogik und Fürsorge offerieren wollte. Fröbel war der Lenin der Kinderpädagogik!
Aus diesem Grund wurden Kindergärten deutschlandweit verboten und die bereits von Fröbel ausgebildeten Kindergärtnerinnen und -gärtner sahen sich gezwungen, ihre Tätigkeit im Ausland fortzuführen. Es ist ironischerweise der Verbot des Kindergartens im deutschen Reich, der ihn zum nachhaltigen deutschen Top-Exportschlager werden liess.
Ich kann aber irgendwo nachvollziehen, dass Fröbels Kindergärten den Autoritären ein Dorn im Auge waren. Fröbel war nicht still oder konfliktscheu in seinem Ausdruck. Er postulierte und predigte geradezu, wenn es um Konzepte der Pädagogik ging. Er brachte neben Kinderpädagogik auch die Frauenpädagogik voran und das mit durchaus demokratischem Pathos: Menschen zu erziehen, und zwar alle Menschen, sah er als wichtigen Schritt zu einer freieren und insgesamt besseren Gesellschaft. Im Kindergarten wächst laut ihm die aufgeklärte Gesellschaft von morgen.
Und aus diesem Grund sind Fröbels Äusserungen eine sozio-politische Schatztruhe, in der man die vielen aufklärerischen und naturalistischen Ideale der Zeit widergespiegelt sieht:
"Die Schule als eine Anstalt zur Aneignung einer größeren oder geringeren Menge von Mannigfaltigkeiten und darum Äußerlichkeiten macht die Schule keineswegs zur Schule, sondern einzig der geistige, lebendige Hauch und Odem, der alle Dinge belebt, in dem alle Dinge sich bewegen."
Fröbel sieht die Schule also als spirituelle Mission an, in der es um nichts Geringeres als die eine ewige und universelle Lebensenergie geht!
"Bei der Erziehung muss man etwas aus dem Menschen herausbringen und nicht in ihn hinein."
"Kinder sind wie Blumen. Man muss sich zu ihnen nieder beugen, wenn man sie erkennen will."
Auch hier erahnen wir den Gedanken des Lebens-Odems. Es ist bereits viel in einem Kind, so viel wie in der Natur selbst. Es gehe darum, dieses Viele und Grosse im Kind zu finden; DAS sei Erziehung. Man bemerkt auch eine Spitze gegen autoritäres top-down-Denken, wenn sein "top-down" die Bewegung zum vermeintlich niederen Subjekt ist. Sich auf Augenhöhe hinab begeben. Sehr sympathisch!
"Im Spiel entdeckt das Kind die Welt und sich selbst."
"Die Quelle alles Guten liegt im Spiel."
"Das Spiel ist die höchste Form der Entwicklung."
Ich verehre Fröbel für diese Aussagen! Es ist eine Schattenseite der modernen Welt, dass dem Spiel so wenig Bedeutung beigemessen wird. Pseudointellektuelle sind sich häufig zu fein, um Sport zu betreiben oder als Spektakel zu geniessen. Viele halbschadig intellektualisierende Leute ohne jegliche Neugier oder aufrichtige Durchdachtheit ihrer Positionen blicken gerne herab auf Videospiele. Karnevale wie Pride-Paraden oder Technofestivals werden von allen Seiten kritisch beäugt und mit erhobenem moralisierenden Finger getadelt. Doch ich gebe Friedrich Fröbel sehr Recht dabei, dass wir uns und die Welt ohne Spiel nie verstehen würden. Und das ist gerade in jungem Alter von unendlicher Wichtigkeit! Und auch später, so mein Ceterum Censeo, muss der Mensch spielen!
Doch sein Kindergarten war neben dem Spiel auch zum Arbeiten da. Den Kindern sollten grundlegende Fähigkeiten beigebracht werden, insbesondere im Umgang mit der Natur. Auch hier dominiert die Idee der universellen Lebenserfahrung:
"Denn wohl ist die Schule das Höchste, aber nur dann, wenn sie Leben ist."
"Religion ohne Werktätigkeit, ohne Arbeit läuft Gefahr, leere Träumerei, nichtige Schwärmerei, gehaltloses Phantom zu werden, so wie Arbeit, Werktätigkeit ohne Religion den Menschen zum Lasttier, zur Maschine macht."
Man bemerkt das delikate Zusammenspiel einer religiös orientierten Arbeitsmoral und einem Wunsch nach einer sinnvollen und wohltuenden Erziehung. Und gerade der letzte Teil des letzten Zitats mutet politisch an. Ja, man soll arbeiten, doch man läuft Gefahr als Lasttier und Maschine ausgebeutet zu werden. Fröbel betont nach wie vor Mündigkeit und Emanzipation als Mensch.
"Der Mensch ist aber nicht allein auf der Welt; die ganze Außenwelt ist Gegenstand seines Erkennens und Mittel zu seiner Entwicklung und Ausbildung."
"So sollen Arbeit, Unterricht und Spiel ein ungestücktes Lebensganzes und der Grund eines künftigen ungeteilten, tatkräftigen, einsichtigen und freudigen Lebens werden."
"Das kleinste Samenkorn trägt das große Ganze in sich und entwickelt es im Zusammenhang mit dem großen Lebensganzen. So trage auch ich als Mensch die ganze Vergangenheit, die Fülle der Gegenwart und den Reichtum der Zukunft in mir."
Friedrich Fröbel gab den Kindern in seinen Kindergärten ein Geschenk, in dem all diese Ideen subtil nachhallen. Die sogenannten Fröbelgaben sind ein Koffer voller geometrischer Formen aus Holz. Selbst das Material ist hier durchaus politisch: Holz war günstig und viel vorhanden, sodass die Fröbelgaben in grosser Zahl produziert werden konnten. Es entsteht eine Einheitsästhetik, die doch ansprechend ist. Das wurde nachgemacht, zum Beispiel von Carl Orff mit seinen Kinder-Instrumenten. Die geometrischen Formen haben den Sinn, die Neugier am Bauen und Kombinieren zu erwecken. Die Fröbelgaben werden von Aufgaben begleitet, die für Kinder verschiedener Altersstufen gedacht sind. Immer mehr sollen die Kinder mit der Zeit lernen, die Formen zu komplexeren Gebilden zu formen und schwierigere Aufgaben damit zu lösen.
Als Begleitung zur naturnahen Erziehung sind die Fröbelgaben eine Einführung in menschliches Denken. Abstrakt sind die Formen, sie sind Gedanken zum Anfassen. Und sie vermitteln die Welt als etwas modular Einteilbares, Verstehbares und Imitierbares. Und das ist erforschbar als Spiel!
Und hier kam mein Rabbithole auf einen Höhepunkt: Nachdem also die Kindergärten in Deutschland verboten worden waren, emigrierten manche der Kindergärtnerinnen und -gärtner unter anderem auch in die USA. Die religiös motivierten, aber nicht überdeterminierten, und demokratisch orientierten Ideen fanden viel Anklang dort. Sie verbreiteten sich überall in den Staaten, auch in ländlichen Gegenden. Und in einer kleinen Gemeinde in Wisconsin hatte ein gewisses Kind in einem neu etablierten Kindergarten ganz besonders viel Freude an den "Frobel Gifts". Eifrig spielte es mit ihnen und skizzierte seine kleinen Bauwerke. Diese Faszination entwickelte es stetig weiter und später wurde dieses Kind, dann bekannt als Frank Lloyd Wright, ein gefeierter Architekt. Und nach wie vor gab Wright an, die Fröbelgaben immer noch vor seinem inneren Auge zu sehen.
Und auch woanders bin ich auf die Fröbelgaben gestossen. Der begnadete Animations-Filmemacher Hayao Miyazaki ist für seine empathischen Kinderfilme bekannt, aber auch für seine starken Meinungen in Sachen Erziehung. Für die Angestellten seines Animations-Studios hat er eigens ein Kindergarten entworfen und bauen lassen. Die Kinder sollen dort möglichst viel im Freien sein und viele praktische Fähigkeiten lernen. Ich denke, dass hier mehr als nur eine zufällige Parallele besteht. Miyazakis Karriere startete u.a. mit Heidi, wofür sein Arbeitgeber auch Reisen in die Schweiz finanzierte. Es liegt nahe, dass auch eingehende Recherchen in die Entwicklung der Pädagogik zu der Zeit im Budget lagen. Die Autorin der Heidi-Geschichte, Johanna Spyri, gibt den Geist dieser Zeit im Text ständig wieder: Es wird Natur betont, die inhärente Qualität des Kindes und der Kindheit und die wichtige Rolle der Empathie. Der Sprung zu Fröbel ist hier wahrlich nicht mehr weit. Tatsächlich muss man nur in Miyazakis neuesten Film hineinschauen, "Der Junge und der Reiher".

Filmstill aus "Der Junge und der Reiher" von Hayao Miyazaki
Im Film kommt eine Figur vor, deren Rolle nicht klar deklariert wird, doch vage als ältester Gelehrter und Beschützer der Fantasiewelt gesehen werden kann. Seine Aufgabe, die Welt in einer Balance zu halten, wird versinnbildlicht mit weissen geometrischen Figuren, die der Gelehrte immer wieder aufeinanderstapelt, ohne dass sie kippen.
Da auch hier Gedanken einer universellen, inneren Kraft der Welt aufkommen und Miyazaki mit grösster Wahrscheinlichkeit von Fröbels Philosophie erfahren hat, deklariere ich folgendes als erster im Internet (und somit wahrscheinlich überhaupt): Die Figuren in "Der Junge und der Reiher" sind Fröbelgaben!
Und hier endet vorerst dieses Rabbithole. Ein guter Moment, um rauszugehen und ein bisschen im Freien zu spielen, nicht wahr? Für den Glauben und die Demokratie 😉

Die Fröbelgaben